Die Waffen-SS
"Soldaten wie andere auch"? "Den Tod geben und den Tod nehmen" - unter diesem Wahlspruch erwarb sich die Waffen-SS an den Fronten des Zweiten Weltkrieges zweifelhaften Ruhm: zwischen Verwegenheit und Verbrechen, propagiertem Heldentum und Massenmord.
07.11.2002
Am militärischen Arm der SS scheiden sich bis heute die Geister. War sie Elitetruppe oder Verbrecherbande?
Waren ihre Männer "Soldaten wie andere auch"? Gar Inbegriff soldatischer Tapferkeit und Angriffslust? Oder Nazi-Raufbolde und -Schlächter, die man so bedachtsam brutalisiert hatte, dass sie eifrig und willig waren, alles und jeden niederzumachen?
Vom Nürnberger Gerichtshof wurde die Waffen-SS als verbrecherische Organisation eingestuft. Sie zählte organisatorisch zum Imperium der SS, an den Fronten unterstand sie dem Oberkommando der Wehrmacht. Bis heute ist die Waffen-SS ein Phänomen voller Widersprüche, umwoben von sorgsam gepflegten Mythen.
Handverlesene "Militärathleten"Hervorgegangen war die Waffen-SS aus Hitlers persönlicher "Stabswache", seiner "Verfügungstruppe" sowie aus brutalisierten KZ-Wächtern der "Totenkopf-Verbände". Zu Kriegsbeginn bestand die Truppe aus Freiwilligen, vornehmlich handverlesenen "Militärathleten". Hitlers persönliche "politische Soldaten" sollten sie sein - Inkarnation des nationalsozialistischen Rasseideals und Träger der antisemitischen, antichristlichen Ideologie. Sie wurden auf unbedingten Gehorsam gedrillt - "bis in den Tod", wie es in ihrem Vereidigungsschwur hieß. Ihr Dienstherr Heinrich Himmler prahlte: "Ich habe Divisionen, die absolut kirchenlos sind und in aller Seelenruhe sterben."
Massaker an ZivilistenWährend des Krieges hinterließ die Waffen-SS eine blutige Spur. Nach verlustreichen Kämpfen gegen britische Eliteregimenter im Mai 1940 eroberte die "Leibstandarte Adolf Hitler" die Ortschaft Wormhoudt in Nordfrankreich. Als die Briten kapitulierten, wurden mindestens 45 Gefangene von Angehörigen der "Leibstandarte" erschossen. Nur wenige überlebten schwerverletzt das Massaker, kamen in deutsche Gefangenschaft. Der Ruf, rücksichtslos gegenüber Gefangenen und auch der Zivilbevölkerung zu sein, begleitete die Waffen-SS von Anfang an. Orte wie Oradour in Frankreich, dessen Bevölkerung von einer Einheit der Waffen-SS-Division "Das Reich" im Jahr 1944 fast vollständig ausgelöscht wurde, sind dafür bis heute ein bedrückendes Symbol.
Schlagkräftig und einsatzbereitDie andere Seite: Wegen ihrer Schlagkraft und Einsatzbereitschaft wurde die Waffen-SS immer dort eingesetzt, wo die Front zu wanken begann - ab 1941 in der Sowjetunion genauso wie später in Frankreich 1944. Die Wehrmacht schätzte sie als "Frontfeuerwehr", doch blieb sie auf Distanz. Ehemalige Wehrmachts-Offiziere wie Phillip von Boeselager und Bernd von Loringhoven berichten, dass die Waffen-SS als NS-hörig galt, als brutal und außerdem als Konkurrent für die Wehrmacht.
Ausländische DivisionenJe höher die Verluste der Waffen-SS waren, desto weniger gelang es, den Nachschub ausschließlich in Deutschland zu rekrutieren. So wurden Divisionen mit Freiwilligen aus Nord- und Westeuropa aufgestellt. Als einigendes Band verstanden NS-Ideologen die "Rasse" sowie den "Kampf gegen den Bolschewismus" und den "jüdischen Weltfeind".
Vor pragmatischen Erwägungen rückten "Rasse"- Gedanken jedoch zusehends in den Hintergrund. 1942 genehmigte Hitler die Aufstellung einer estnischen SS-Legion; es folgten u.a. lettische, litauische, weißrussische und ukrainische Einheiten. Auf dem Balkan wurde aus der muslimischen Bevölkerung Bosniens die SS-Division "Handschar" aufgestellt, deren Bataillonen man einen eigenen Imam und schweinefleischfreie Verpflegung zugestand.
Von der "Elite" zum MassenheerDer SS-Brigade "Dirlewanger" - 1940 zunächst aus Wilddieben gebildet - wurden so genannte "Berufsverbrecher" und ab 1944 vereinzelt sogar zwangsrekrutierte politische Häftlinge aus Konzentrationslagern eingegliedert. Vom Prinzip der Freiwilligkeit hatte man sich bei der Aufstellung der Waffen-SS-Verbände längst verabschiedet. Auch die Masse der deutschstämmigen Rekruten vor allem aus Ost- und Südosteuropa - so genannte Volksdeutsche - waren zwangsweise ausgehoben worden.
Bei Kriegsende war die Waffen-SS eine weithin zusammengewürfelte Truppe. 1938 hatte sie 7000 Mitglieder; 1944 war aus dem "Elite-Verband" ein 900.000 Mann starkes Massenheer geworden. Zu den letzten Verteidigern Berlins gehörten im April 1945 französische Kämpfer der Division "Charlemagne" - ganz nach dem Leitspruch der SS: "Meine Ehre heißt Treue".
Der FilmWas bewog junge Männer, zur Waffen-SS zu gehen? Wer kämpfte in ihren Reihen? Welcher "Geist" herrschte in der Truppe? Angehörige der Waffen-SS brechen in diesem Film zum ersten Mal ihr Schweigen und berichten von ihren Kriegserfahrungen. Zeitzeugen, die damals auf der anderen Seite standen, und Opfer, die noch heute unter ihren Verbrechen leiden, setzen ihre Erinnerung an Hitlers Elitesoldaten dagegen. So Albert Evans und Alfred Tombs, Überlebende des Massakers von Wormhoudt. Der Film zeigt so die tiefe Verstrickung der Waffen-SS in den Vernichtungskrieg - und zugleich den Zwang eines Regimes, der niemanden ausließ.
Die SS - Eine Warnung der GeschichteSie war der Inbegriff des Terrors. Sie vollzog den Massenmord. Sie verkörperte wie keine andere Organisation in Hitlers Reich den tödlichen Wahn vom Herrenmenschen: die SS. In nur wenigen Jahren wurde die "Schutzstaffel" von einer unbedeutenden Leibwache zum effektivsten und gefährlichsten Machtinstrument der NS-Diktatur.
Die weltweit erste Dokumentarreihe über die Gesamtgeschichte der SS untersucht in sechs Folgen die Wesensmerkmale des Ordens unter dem Totenkopf.
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/15/0,1872,2021135,00.html