Das Buch "Der Krieg in unseren Städten. Wie radikale Islamisten Deutschland unterwandern" durfte nach einer Flut von Klagen von Seiten islamistischer Vereine zeitweilig nicht in zweiter Auflage erscheinen. Die gegen das Buch angestrengten Verfahren, die bereits verhandelt wurden, konnten gewonnen werden.
Die Aussage: "1967 wurde mit dem Sieg Israels im Sechs-Tage-Krieg das Selbstbewusstsein der muslimischen Welt zerstört - und der Nährboden für die islamistische Ideologie vom Sieg der missachteten islamischen Minderheit über die westliche Welt bereitet." greift jedoch viel zu kurz und beleuchtet die Ursachen des Islamismus nur mangelhaft.
MT
PS 4. Die Ursachen des Islamismus
4.1. Die Entstehung der islamistischen Ideologien
Der Islamismus ist in erster Linie eine Protestbewegung gegen die eigenen, als tyrannisch empfundenen Regierungen, die für sozioökonomische Probleme, kulturelle Entfremdung und politische Ohnmacht der islamischen Welt verantwortlich gemacht werden. Vorläufer dieser Bewegungen traten zuerst Ende des 19. Jahrhunderts im Vorderen Orient auf. Mit der europäischen Expansion setzte damals eine Debatte über die Ursachen der Schwäche der Muslime ein, die bis heute andauert. Die Diskrepanz zwischen fremder, christlicher Herrschaft und dem Selbstbewusstsein im Besitz der einzig wahren Religion zu sein, nahmen viele Muslime als erklärungs- und änderungsbedürftig wahr. Während Säkularisten damals eine vollständige Modernisierung nach dem Muster westlicher Staaten forderten, entstand mit der sogenannten Salafiya eine Gegenbewegung.
Ihre Protagonisten wie Jamal ad-Din al-Afghani (1839-1897), Muhammad Abduh (1849-1905) und Rashid Rida (1865-1935) vertraten die Meinung, nur eine Rückbesinnung auf den Islam werde die Muslime wieder zu alter Stärke führen. Zu diesem Zweck entwickelten sie das Bild einer stark idealisierten Urgesellschaft in Medina, der der frommen Altvorderen (as-salaf as-salih), deren Vorbild die Muslime folgen müssten, wollten sie dem Islam wieder seine alte Weltstellung verschaffen. Sie folgten damit einem in der islamischen Geschichte häufig wiederkehrenden Motiv vieler Erneuerungsbewegungen.
Ging es den Salafis vorwiegend um die friedliche Erneuerung der Gesellschaft aus der Kraft der eigenen Tradition, existierte eine der Salafiya eng verbundene Strömung, deren Vorstellung von Reform weniger geistigmoralisch als vielmehr politisch war. Sie hatte ihren Ursprung in mehreren islamischen Erneuerungsbewegungen, die im 18. und 19. Jahrhundert vor allem an der Peripherie der islamischen Welt, in Zentralarabien, Nordwestindien, im Jemen, Nordnigeria und der nördlichen Sahara entstanden waren. Prominente Beispiele sind die Schule von Deoband in Indien und die arabische Wahhabiya. Während die Deobandis das geistige Rüstzeug für viele pakistanische Islamisten und die Taliban lieferten, nahm die Wahhabiya im arabischen Raum Einfluss auf viele Islamisten des 20. Jahrhunderts. Sie bestimmt bis heute die Weltanschauung Usama Bin Ladins.
Die Wahhabiya entstand im 18. Jahrhundert in Zentralarabien (arab. Najd) in der Nähe des heutigen Riad. Angeführt wurde diese Bewegung von ihrem Namensgeber, dem Religionsgelehrten Muhammad b. Abdalwahhab (ca. 1704-1792). Nach anfänglichen Misserfolgen verbündete er sich 1745 mit einem lokalen Herrscher namens Muhammad b. Saud, worauf die wahhabitisch-saudische Allianz in wenigen Jahrzehnten fast die gesamte Halbinsel eroberte. Aus dieser Keimzelle entstand der heutige saudi-arabische Staat. Die Ideologie der Wahhabiya ist von einer deutlichen Unterscheidung in Gläubige und Ungläubige geprägt. Als gläubig gilt den Wahhabiten aber nicht der gewöhnliche Muslim, sondern derjenige, der die Verhaltensvorschriften der Wahhabiya minutiös befolgt und ihre theologischen Ansichten vorbehaltlos übernimmt. Sie glaubten, in Koran und Sunna ein detailgetreues Abbild der idealisierten Frühzeit gefunden zu haben und versuchten unerbittlich, Gottes Gebote wortgetreu in die Tat umzusetzen.
Im Najd des 18. und 19. Jahrhunderts waren das Rauchen, Musizieren und das Tragen seidener Kleidung verboten. Außerdem wurde das fünfmalige Gebet in der Gemeinschaft verpflichtend. Eine Religionspolizei, ähnlich der der Taliban, sorgte dafür, dass alle Vorschriften eingehalten wurden. Nach außen lieferte die Wahhabiya das ideologische Rüstzeug für die Expansion des saudischen Staates. Alle Nichtwahhabiten galten ihr als Ungläubige, die im jihad bekämpft werden sollten. Salafiya, Wahhabiya und einige andere Reformbewegungen schufen die ideologische Grundlage der islamistischen Organisationen des 20. Jahrhunderts. Während die Salafiya vor allem diejenigen prägte, die die geistig-moralische Erneuerung ihrer Gesellschaften betrieben, bezogen sich die Militanten eher auf die Ideologie der Wahhabiya und artverwandter Reformbewegungen. Sie übernahmen von ihnen ? aufgrund des Bewusstseins, die einzig wahren Muslime zu sein ? ihre radikale Abgrenzung von der Außenwelt und die Überzeugung, gegen andersdenkende Muslime im jihad kämpfen zu müssen. Deswegen werden sie heute auch Jihadisten genannt.28 Ihr Weltbild ist stark dichotomisch geprägt: sie sind gläubig, alle anderen ungläubig.
Die ersten politischen Bewegungen des Islamismus entstanden ab den 20er Jahren. 1928 gründete der Volksschullehrer Hasan al-Banna (1906-1949) die ägyptische Muslimbruderschaft. Er und der Begründer der indisch-pakistanischen Jamaat-e Islami, Abu l-A'la al-Maududi (1903-1979) wurden zu den wichtigsten Wegbereitern des politischen Islam im 20. Jahrhundert. In der arabischen Welt blieb Ägypten lange Zeit das Zentrum des Islamismus, von wo sich die Muslimbruderschaft ab den 40er Jahren in andere Länder, vor allem nach Syrien, Jordanien und den Sudan ausweitete. Ziel der Muslimbruderschaft war eine vollkommene Umgestaltung der ägyptischen Gesellschaft auf der Grundlage der shari? a. Während Banna auf schrittweise Veränderungen hinarbeitete, teilten viele Mitglieder seinen Optimismus bezüglich der Reformierbarkeit des ägyptischen politischen Systems nicht. Schon damals bewegten sich die Ansichten von Islamisten in der gesamten Region zwischen diesen beiden Polen: graduelle geistig-moralische Erneuerung oder gewaltsamer Kampf.
Den entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der Muslimbruderschaft bildete die Unterdrückung ihrer Aktivitäten ab 1954 durch das Regime der Freien Offiziere, nachdem ein Anschlag von Muslimbrüdern auf Präsident Nasser gescheitert war. 1965 folgte eine zweite Verhaftungswelle, in deren Folge Sayyid Qutb (1906-1966), der wichtigste militante Vordenker der Muslimbrüder, hingerichtet wurde. Dass die ägyptische Regierung Qutb exekutieren ließ, weist schon darauf hin, für wie gefährlich sie ihn hielt. Qutb hatte seit 1954 mit Unterbrechungen im Gefängnis gesessen. Diese Erfahrung scheint maßgeblich zu einer Radikalisierung beigetragen zu haben, die anhand seiner im Gefängnis entstandenen Schriften rekonstruiert werden kann. Sein Buch Wegzeichen wurde zum bedeutendsten Pamphlet militanter Islamisten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Er entwarf darin eine revolutionäre Ideologie, die sich vom Reformkurs Hasan al-Bannas abwandte. Er erklärte das ägyptische Regime für ungläubig und forderte den gewaltsamen Kampf (jihad) gegen Nasser.
Junge Islamisten der 60er und 70er Jahre schlossen sich der Lehre Qutbs begeistert an. Bis heute ist er der populärste militant-islamistische Denker geblieben und seine Bücher werden in der arabischen Welt und in Übersetzung auch weit darüber hinaus gelesen. Qutbs Schüler im Ägypten der späten 60er und 70er Jahre gingen jedoch noch einen Schritt weiter als ihr Lehrvater und erklärten auch diejenigen einzelnen Muslime für Ungläubige, die in der angeblich unislamischen ägyptischen Gesellschaft lebten. Sayyid Qutb hatte zwar auf der strengen Unterscheidung von Glauben und Unglauben beharrt, jedoch die Beantwortung der Frage vermieden, inwieweit Individuen auch für ungläubig und damit für vogelfrei erklärt werden dürften. Seine Schüler gingen diesen Schritt. Sie hielten den Kampf gegen den Staat, seine Herrscher und Bewohner für eine grundlegende religiöse Pflicht und nannten ihn jihad. Damit waren die ideologischen Grundlagen für die Entstehung des islamistischen Terrorismus gelegt. In Ägypten waren es vor allem die Erfahrung brutaler staatlicher Repression und die langen Gefängnisaufenthalte, die eine Radikalisierung vieler Islamisten bewirkten. Während die Muslimbruderschaft der Gewalt abschwor, erstarkten militante Gruppierungen, die den ägyptischen Staat mit terroristischen Mitteln bekämpften.
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