Schweiz: Viel Geld, keine Jobs
Von Cornelia Frenzel
Bis heute verbinden Deutsche die Schweiz mit einem hohen Lebensstandard, einer niedrigen Arbeitslosenquote und international bekannten und rentablen Großunternehmen. Mit einem Exportwachstum von 5,9 Prozent war das Jahr 2004 das erfolgreichste seit vier Jahren, dank eines Handelsbilanzüberschusses von 9,3 Milliarden Franken sogar eines der besten der Schweizer Handelsgeschichte. Doch auch die Schweiz kämpft mit Problemen, die wir aus Deutschland kennen.
Die Wirtschaftszeitung ?Cash? zieht eine traurige Bilanz zum Schweizer Arbeitsmarkt: Obwohl die Unternehmen des Börsenindex SMI 2004 mehr als 46,8 Milliarden Franken Reingewinn erzielt haben, wurden fast 3.000 Stellen abgebaut. Allein Swisscom ? obwohl halbstaatlich ? strich im vergangenen Jahr 655 Arbeitsplätze, trotz jährlicher Milliardengewinne. 2005 sollen weitere 390 Stellen wegfallen. Auch in der Chemieindustrie, die maßgeblich zum Handelsbilanzüberschuß beigetragen hat, werden zunehmend Arbeitsplätze gestrichen. Für Ulrich Thielemann, Vizedirektor des Institutes für Wirtschaftsethik, ist dies eine logische Entwicklung: ?Unternehmen schaffen Jobs, wo sie am profitabelsten sind.? Wenn Arbeitsplätze neu geschaffen werden, dann im Ausland.
Auch die Schweizer Unternehmen optimieren global, um Kosten zu senken. Sowohl die Milliardengewinne als auch der Jobabbau sind das Resultat der Restrukturierungsmaßnahmen nach dem Börsencrash im Jahr 2000. Das hat sich bezahlt gemacht. Doch der Arbeitsmarkt leidet. Die Arbeitslosenquote beträgt zur Zeit 4,1 Prozent ? deutlich über dem langjährigen Durchschnitt. Für Nico Lutz von der größten Schweizer Gewerkschaft Unia hätten die Großkonzerne bereits zu lange nur Gewinne gemacht, aber weder die Löhne erhöht noch neue Jobs geschaffen. Auch Ulrich Thielemann bedauert, daß die börsennotierten Unternehmen sich dem Kapitalmarkt stärker verpflichtet fühlen als den eigenen Mitarbeitern.
Die ungewohnt hohe Arbeitslosigkeit bringt ein anderes deutsches Phänomen mit sich: Aus Angst vor dem Jobverlust ist die Konsumnachfrage im vergangenen Jahr eingebrochen. Die Profiteure der Restrukturierungswut sind dagegen die Aktionäre. Da die Gewinne nicht über Lohnerhöhungen weitergegeben werden, erhalten sie eine höhere Dividende. Allerdings gilt das nur für international tätige Konzerne wie Novartis oder Nestlé. Von Unternehmen, die von einem starken Binnenkonsum abhängig sind, ist dagegen abzuraten. Zwar prognostiziert die Großbank UBS für 2005 einen Rückgang der Arbeitslosenquote und sieht bereits einen leichten Aufschwung des Schweizer Konsums, doch eine schwache Weltkonjunktur könnte die Gesundung verzögern.
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